Linear B wurde mit Listen, Wiederholungen und Ortsnamen entziffert
Alice Kober kartierte die Muster. Emmett Bennett ordnete die Zeichen. Michael Ventris prüfte Ortsnamen. Dann machte ein Dreifuß das Griechisch der Bronzezeit kaum mehr bestreitbar.

Drei Zeichen auf einer Tontafel halfen, einen kühnen Vorschlag in eine Entzifferung zu verwandeln:
𐀴𐀪𐀡, ti-ri-po, „Dreifuß.“
Die Tafel, bekannt als PY Ta 641, war ein Inventar aus dem Palast von Pylos. Sie führte dreibeinige Gefäße auf. Nach den Lautwerten, die Michael Ventris für Linear B vorgeschlagen hatte, lautete ein Eintrag ti-ri-po. Das Schriftsystem konnte nur offene Silben darstellen, meist einen Konsonanten gefolgt von einem Vokal, daher stand hinter diesen Zeichen eher das griechische Wort tripos, der Vorfahr des englischen „tripod“. Die Schreibung war nicht in dem Sinn genau, wie eine alphabetische Schreibung genau sein kann. Sie war genau genug, um am Gegenstand der Liste geprüft zu werden.
Das war wichtig, weil Ventris seine Lautwerte erarbeitet hatte, bevor diese neu ausgegrabene Tafel Teil der Prüfung wurde. Ein glücklicher Zufallstreffer kann einen ansprechenden Namen liefern. Eine Entzifferung muss Material lesen können, das ihr Urheber nie erwartete.
Linear B bestand diese Prüfung. Das gelang, weil Ventris nicht allein arbeitete, auch wenn die geläufige Version der Geschichte ihn wie einen einsamen Codeknacker erscheinen lässt.
Eine Bibliothek, die überlebte, weil sie brannte
Arthur Evans fand 1900 in Knossos auf Kreta die ersten Linear-B-Tafeln. Spätere Ausgrabungen legten große Archive in Pylos und an anderen mykenischen Palaststätten frei. Die Tafeln waren nicht als dauerhafte Bibliothek geschrieben. Palastverwalter drückten kurze Aufzeichnungen in feuchten Ton und bewahrten sie dann nur so lange auf, wie die Unterlagen nützlich waren.
Das Feuer bewahrte, was die Routine ausgelöscht hätte. Als die Paläste brannten, backte die Hitze viele Tafeln zufällig hart genug, um zu überdauern.
Was erhalten blieb, war überwiegend Verwaltung: Schafe, Stoffe, Streitwagen, Opfergaben, Arbeiter, Gefäße, Getreide, Öl. Die Schrift verwendete etwa 87 Silbenzeichen, dazu Zeichen für Waren und Gegenstände. Ein Zeichen konnte für pa, te oder ko stehen, nicht für einen einzelnen Buchstaben des Alphabets. Konsonantenverbindungen und auslautende Konsonanten mussten oft weggelassen oder umgeformt werden, um in dieses System zu passen.
Das schuf ein zirkuläres Problem. Man brauchte die Sprache, um die Wörter zu erkennen, aber lesbare Wörter, um die Sprache zu bestimmen. Es gab keinen Stein von Rosetta mit demselben Erlass in einer bekannten Sprache.
Der Ausweg war, aus Wiederholung zu lernen, bevor man Laute zuwies.
Alice Kober begann mit Form, nicht mit Bedeutung
Alice Kober lehrte am Brooklyn College und hielt jahrelang fest, wie sich Zeichengruppen verhielten. Das von der University of Texas bewahrte Archiv enthält etwa 186.000 von Hand geschnittene Karteikarten, viele davon in wiederverwendeten Zigarettenschachteln. Jede Karte verzeichnete ein Vorkommen, einen Kontext oder eine mögliche Beziehung. Der Glanz kam später. Die Arbeit selbst bestand aus Zählen, Sortieren, Korrigieren und dem entschlossenen Verzicht auf vorschnelle Entscheidungen.
Kober begann bei der Form, nicht bei der Bedeutung. Sie bemerkte Wortgruppen, die denselben Anfang teilten, sich aber am Ende veränderten. Die Endungen verhielten sich eher wie grammatische Flexionen als wie zufällige Varianten. Welche Sprache auch immer hinter der Schrift stand, ihre Substantive schienen ihre Form zu verändern.
Dann ordnete sie Zeichen in einem Raster an. Zeichen, die einander an derselben Stelle eines Wortes ersetzen konnten, schienen einen Laut zu teilen und sich in einem anderen zu unterscheiden. Die Zeilen und Spalten begannen, die Logik einer Silbenschrift offenzulegen, ohne ihr zu verraten, dass ein bestimmtes Zeichen ti oder po bedeutete.
Kober starb 1950 im Alter von dreiundvierzig Jahren, zwei Jahre vor der entscheidenden Bekanntgabe. Es ist fair, die Entzifferung Ventris' Leistung zu nennen. Es ist nicht fair, sie allein seine Leistung zu nennen.
Auch Emmett Bennett machte die Lösung möglich. Bei seiner Arbeit mit dem Material aus Pylos standardisierte er das Zeicheninventar und trennte echte Zeichen von Varianten einzelner Schreiber. Kober und Bennett tauschten Transkriptionen aus und korrigierten gegenseitig ihre Daten. Ein Raster ist nur so zuverlässig wie die Zeichen, die darin gezählt wurden.
Die Prüfung mit Ortsnamen
Ventris war Architekt und seit Langem von der Schrift fasziniert. Er verschickte Arbeitsnotizen, damit andere Fachleute seine Ideen angreifen konnten. Jahrelang vermutete er, Linear B könne Etruskisch verschlüsseln. Die Belege drängten ihn schließlich in eine andere Richtung.
Einige Zeichengruppen erschienen auf kretischen Tafeln, nicht aber im Archiv des Festlands. Ventris fragte sich, ob es sich um kretische Ortsnamen handeln könne. Eine Folge las er vorläufig als a-mi-ni-so, Amnisos, den Hafen von Knossos, eine andere als ko-no-so, Knossos selbst. Diese Lesungen lieferten eine zusammenhängende Reihe von Lautwerten statt eines einzelnen isolierten Ratespiels.
Dann brachten die Lautwerte andernorts Griechisch hervor.
Am 1. Juli 1952 verkündete Ventris im BBC-Radio, die Tafeln enthielten „ein schwieriges und archaisches Griechisch, aber dennoch Griechisch“. Der Altphilologe John Chadwick hörte die Sendung und schloss sich der Arbeit bald an. Carl Blegens Tafeln aus Pylos, darunter das Inventar mit dem Dreifuß, lieferten neues Material, an dem der Vorschlag gelingen oder scheitern konnte. Bennetts Zeichensystem, Kobers Strukturmuster, Ventris' Lautwerte, Chadwicks Griechisch, Blegens Ausgrabung und die Tafeln selbst bildeten eine Beweiskette.
So sieht eine wirkliche Entzifferung aus. Sie ist kein Satz, der überzeugend klingt. Sie ist eine Methode, die immer neue Sätze liest.
Was uns die Tafeln hören lassen
Linear B führte geschriebenes Griechisch in die mykenische Palastwelt zurück, Jahrhunderte vor den alphabetischen Inschriften, denen die meisten Lernenden zuerst begegnen. Seine Aufzeichnungen bewahren einen frühen griechischen Wortschatz, eingebettet in das Palastleben. Eine Schreibung aus drei Zeichen verbindet ein Tontafelinventar mit dem griechischen tripos und dem heutigen „tripod“. Ein Ortsname verbindet eine Zeichengruppe mit einem Hafen, der noch immer auf der Karte steht.
Die Grenzen sind ebenso wichtig. Diese Tafeln sind keine verlorene Bibliothek mykenischer Gedichte oder Philosophie. Ihre Sprache ist verdichtet, spezialisiert und oft schwierig, selbst nachdem die Zeichen gelesen werden können. Linear A verwendet verwandte Zeichen, doch die Sprache dahinter ist weiterhin unentziffert. Lautwerte aus Linear B zu übernehmen, macht eine unbekannte Sprache nicht verständlich.
Kobers große Disziplin bestand darin, zu trennen, was die Zeichen belegten, von dem, was ein Entzifferer zu lesen hoffte. Diese Disziplin machte Ventris' Sprung überprüfbar. Sie macht das Ergebnis auch spannender: 𐀴𐀪𐀡 ist keine Dekoration aus einer geheimnisvollen Vergangenheit. Es ist eine Schreibung mit einer Geschichte, einer Grammatik und einem Gegenstand, der daneben wartet.
PRAVIEL gibt es für solche Begegnungen, bei denen das Lernen, wie Schrift und Sprache zusammenpassen, Zeichen wieder zu Belegen für Menschen macht, die sie einst schrieben.
Quellen
- Thomas G. Palaima, "Linear B Sources" (University of Texas at Austin)
- Program in Aegean Scripts and Prehistory, Kober, Bennett, and Ventris archives
- University of Cambridge, "Cracking the code: the decipherment of Linear B 60 years on"
- Cambridge Faculty of Classics, "The decipherment of Linear B"
- Michael Ventris and John Chadwick, "Evidence for Greek Dialect in the Mycenaean Archives" (Journal of Hellenic Studies, 1953)
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